8. Juli 2026
„Riester ist doch tot." Ab 2027 kommt der Nachfolger. Aber er ist nicht die Antwort auf alles.
„Riester ist doch tot." Den Satz höre ich seit Jahren. Und seit Kurzem stimmt er sogar offiziell: Ab dem 1. Januar 2027 startet das Altersvorsorgedepot als staatlich geförderter Nachfolger der Riester-Rente. Erstmals fördert der Staat damit eine private Vorsorge ohne Beitragsgarantie, also mit ETFs und Fonds statt mit dem Sicherheitskorsett, das der Riester-Rente am Ende die Rendite gekostet hat.
Das klingt nach einer guten Nachricht. Ist es auch. Aber es ist nicht die Antwort auf alles.
Wie das Altersvorsorgedepot funktioniert
Das Prinzip ist einfach: Du zahlst regelmäßig in ein Depot ein, das Geld wird am Kapitalmarkt investiert, und der Staat legt etwas obendrauf.
Für die ersten 360 Euro Eigenbeitrag im Jahr gibt es 50 Cent pro eingezahltem Euro, also maximal 180 Euro staatliche Zulage. Für weitere Einzahlungen bis zur Grenze von 1.800 Euro pro Jahr kommen noch einmal 25 Cent pro Euro hinzu, also bis zu 360 Euro zusätzlich. Die maximale Grundzulage beträgt damit 540 Euro pro Jahr, was einer Verdreifachung gegenüber der früheren Riester-Förderung entspricht.
Wer monatlich 150 Euro einzahlt, also 1.800 Euro im Jahr, erhält die volle Grundzulage von 540 Euro. Der Staat trägt damit rund 30 Prozent der Gesamteinzahlung.
Für Familien kommt die Kinderzulage hinzu: Pro Kind und Jahr sind bis zu 300 Euro möglich, wenn mindestens 300 Euro Eigenbeitrag geleistet werden. Wer drei Kinder hat und 25 Euro im Monat einzahlt, erhält bereits 900 Euro Kinderzulage vom Staat, also mehr als er selbst einzahlt.
Berufseinsteiger unter 25 Jahren erhalten einmalig 200 Euro Startbonus direkt ins Depot. Wer unter 26.250 Euro brutto verdient, bekommt zusätzlich 175 Euro Geringverdiener-Bonus pro Jahr.
Neben den direkten Zulagen gibt es steuerliche Vorteile: Während der Ansparphase bleiben Erträge im Depot steuerfrei. Die Besteuerung erfolgt erst im Rentenalter, meist zu einem niedrigeren persönlichen Steuersatz. Zusätzlich können Einzahlungen und Zulagen als Sonderausgaben geltend gemacht werden.
Erstmals sind auch Selbstständige und Freiberufler förderberechtigt, nicht nur Angestellte und Beamte.
Der größte Vorteil: kein Garantiezwang mehr
In meinen Beratungsgesprächen erlebe ich regelmäßig dasselbe: Das Wort „Beitragsgarantie" klingt gut. Es vermittelt Sicherheit, das Gefühl, dass nichts verloren gehen kann. Und genau das war jahrelang das Herzstück der Riester-Rente: Egal was passiert, am Ende sind mindestens die eingezahlten Beiträge da.
Klingt beruhigend. Ist es aber nicht ohne Preis.
Wer eine 100 %-Beitragsgarantie anbieten will, muss sicherstellen, dass das eingezahlte Kapital am Ende vollständig vorhanden ist. Das zwingt den Anbieter dazu, den Großteil des Geldes in sichere, aber renditeschwache Anlagen zu investieren, zum Beispiel in Staatsanleihen oder festverzinsliche Papiere. Nur ein kleiner Rest darf überhaupt in renditestarke Anlagen wie Aktien oder Fonds fließen.
Ein einfaches Rechenbeispiel macht das deutlich:
Angenommen, du zahlst über 30 Jahre monatlich 100 Euro ein, also 36.000 Euro insgesamt. Bei einer 100 %-Beitragsgarantie muss der Anbieter sicherstellen, dass am Ende mindestens diese 36.000 Euro vorhanden sind. Je nach Zinsniveau und Vertragslaufzeit bedeutet das, dass 80 bis 90 Prozent des Kapitals in sichere Anlagen fließen müssen. Nur 10 bis 20 Prozent können wirklich am Kapitalmarkt arbeiten.
Bei einer 0 %-Garantie, also ohne Garantiezwang, kann das gesamte Kapital langfristig in den Kapitalmarkt investiert werden. Historisch hat ein breit gestreutes Aktienportfolio über 30 Jahre eine durchschnittliche Rendite von rund 6 bis 8 Prozent pro Jahr erzielt. Das bedeutet: Aus denselben 36.000 Euro Eigenbeitrag können bei vollständiger Kapitalmarktanlage über 30 Jahre deutlich über 100.000 Euro werden, statt der garantierten 36.000 Euro plus einer bescheidenen Verzinsung des kleinen freigebliebenen Anteils.
Die Beitragsgarantie hat nicht geschützt. Sie hat gebremst.
Das Altersvorsorgedepot verzichtet auf diesen Zwang. Das ist der eigentliche Paradigmenwechsel, nicht die höhere Zulage.
Was sich gegenüber Riester ändert
Wer einen bestehenden Riester-Vertrag hat, muss nichts überstürzen. Riester-Verträge, die vor dem 1. Januar 2027 abgeschlossen wurden, genießen Bestandsschutz und können wie gewohnt weitergeführt werden. Alternativ kann das Guthaben in ein neues Altersvorsorgedepot übertragen werden, ohne dass bisherige Zulagen zurückgezahlt werden müssen. Ob ein Wechsel sinnvoll ist, hängt von der individuellen Situation ab und sollte nicht voreilig entschieden werden.
Warum das Altersvorsorgedepot trotzdem nicht die Komplettlösung ist
Hier liegt der Punkt, den ich in der öffentlichen Diskussion vermisse.
Das Altersvorsorgedepot ist ein gutes Werkzeug. Aber ein Werkzeug ist nur so gut wie die Entscheidung dahinter. Und Altersvorsorge ist mehr als ein gefördertes Depot.
Wer strategisch für das Alter plant, stellt sich Fragen, die weit über das richtige Produkt hinausgehen:
Welchen Liquiditätsbedarf habe ich in den nächsten Jahren, und zu welchem Zeitpunkt? Wer in fünf Jahren ein Eigenheim kaufen will oder Kinder plant, braucht eine andere Struktur als jemand, der das nicht vorhat. Kapital, das im Altersvorsorgedepot gebunden ist, steht für diese Ziele nicht mehr zur Verfügung.
Wie lässt sich die Steuerlast im Alter senken? Das Altersvorsorgedepot wird im Rentenalter versteuert, zu einem dann hoffentlich niedrigeren Steuersatz. Aber es gibt weitere Stellschrauben: die Kombination aus verschiedenen Vorsorgekonstrukten, die Wahl des richtigen Auszahlungszeitpunkts, die Frage, wie kapitalgedeckte und steuerlich anders behandelte Bausteine miteinander zusammenwirken. Wer das nicht im Blick hat, verschenkt Potenzial.
Welches Werkzeug passt zu mir? Das Altersvorsorgedepot ist eine Option, aber nicht für jeden die beste. Für manche ist die betriebliche Altersvorsorge der wirksamere Hebel. Für andere eine fondsgebundene Rentenversicherung mit spezifischen Steuervorteilen. Für Selbstständige gelten wiederum andere Rahmenbedingungen. Die Antwort auf „Was ist richtig?" beginnt immer mit der Frage: Für wen, in welcher Situation, mit welchen Zielen?
Was ich damit sagen möchte
Das Altersvorsorgedepot ist ein wichtiger Schritt. Es macht staatlich geförderte Vorsorge erstmals wirklich attraktiv und öffnet sie für eine breitere Gruppe von Menschen. Das ist gut.
Aber es ersetzt keine durchdachte Strategie. Wer 2027 einfach ein Depot eröffnet und monatlich einzahlt, macht etwas richtig. Wer darüber hinaus versteht, wie dieses Werkzeug in seine gesamte Lebenssituation passt, was parallel passieren muss und welche Weichenstellungen heute schon Einfluss auf die Steuerlast im Alter haben, macht es klug.
Der Unterschied zwischen beidem ist größer, als er auf den ersten Blick wirkt.